Warum die Unterscheidung überhaupt existiert
Sie steht nicht da, um Menschen einzuteilen, sondern um dem Wirklichen gerecht zu werden: Nicht alles Falsche wiegt gleich. Wer sein Kind belügt und wer sein Kind verlässt, hat nicht dasselbe getan. Der Katechismus nennt das eine Unterscheidung, die „schon in der Schrift erkennbare" ist (KKK 1854).
Die Todsünde zerstört die Liebe im Herzen und wendet den Menschen von Gott ab. Die lässliche Sünde verletzt die Liebe, ohne sie zu zerstören (KKK 1855).
Die drei Bedingungen
Damit eine Tat eine Todsünde ist, müssen gleichzeitig drei Bedingungen erfüllt sein: „Eine Todsünde ist jene Sünde, die eine schwerwiegende Materie zum Gegenstand hat und die dazu mit vollem Bewusstsein und bedachter Zustimmung begangen wird." (KKK 1857, zitiert Reconciliatio et paenitentia 17)
1. Schwere Materie
Was schwerwiegend ist, bemisst der Katechismus an den Zehn Geboten (KKK 1858). Er fügt hinzu, dass die Schwere abgestuft sein kann — nach den Umständen und nach den betroffenen Personen.
Das ist die einzige der drei Bedingungen, über die man von außen urteilen kann.
2. Volle Erkenntnis
Man muss gewusst haben, dass die Handlung schwer und der Ordnung Gottes entgegen ist (KKK 1859). Nicht: es hätte einem klar sein können. Sondern: es war einem klar.
Der Katechismus unterscheidet hier scharf: Unverschuldete Unwissenheit kann die Zurechenbarkeit einer schweren Verfehlung ganz aufheben. Wer aber die Unwissenheit selbst gewollt hat — wer bewusst nicht wissen wollte —, kann sich nicht darauf berufen (KKK 1860).
3. Freie Zustimmung
Der Wille muss zugestimmt haben, hinreichend bewusst und frei. Der Katechismus zählt auf, was das mindern oder aufheben kann (KKK 1860):
- Gefühlsregungen und Leidenschaften — was im Affekt geschieht, ist nicht dasselbe wie das Geplante.
- Äußerer Zwang und Angst.
- Krankhafte seelische Störungen. Sucht und Zwang gehören hierher.
- Gewohnheit. Auch sie kann die Freiheit mindern — hebt aber die Verantwortung dafür, dass man sie hat entstehen lassen, nicht auf.
Ein Gedanke, der auftaucht, ist keine Zustimmung. Erst die Zustimmung wäre eine.
Der Satz, den man mitlesen muss
Direkt nach dieser Aufzählung steht im Katechismus ein Satz, der in Diskussionen fast immer fehlt:
Doch wenn wir auch beurteilen können, dass eine Handlung in sich ein schweres Vergehen darstellt, müssen wir das Urteil über die Menschen der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit Gottes überlassen. (KKK 1861)
Zwei der drei Bedingungen — Erkenntnis und Zustimmung — spielen sich im Inneren eines Menschen ab. Kein anderer kann sie beurteilen, und man selbst oft nur unvollständig. Deshalb urteilt die Kirche über Handlungen, nie über den Stand einer Person.
Das ist keine Weichspülung. Es ist die Voraussetzung dafür, dass man mit dem Thema überhaupt vernünftig umgehen kann.
Was das praktisch heißt
Für die Beichte. Schwere Sünden gehören nach Art und Zahl genannt (can. 988 §1), soweit du sie dir nach gewissenhafter Selbsterforschung bewusst bist (KKK 1456). Bist du unsicher, ob etwas schwer war, sag genau das dem Priester — das ist der übliche und vorgesehene Weg, kein Ausweichen. Ausführlich: Beichte vorbereiten.
Für die Gewissenserforschung. Es geht darum zu benennen, was war, nicht darum, sich eine Note zu geben. Wer beim Abendgebet anfängt, Verfehlungen zu klassifizieren, betet nicht mehr, sondern verwaltet.
Für die Angst. Wenn dich die Frage „war das eine Todsünde?" regelmäßig umtreibt und die Antwort nie hält, ist das ein Zeichen von Skrupulosität. Dagegen hilft nicht mehr Nachdenken, sondern ein fester Beichtvater, dessen Urteil du annimmst — auch gegen dein Gefühl.
Und die lässliche Sünde?
Sie ist nicht harmlos. Der Katechismus sagt, dass sie die Ausübung der Tugenden hemmt, dass sich in ihr „eine ungeordnete Neigung zu geschaffenen Gütern" verrät und dass sie, mit Bedacht begangen und nicht bereut, „uns allmählich bereit macht, Todsünden zu begehen" (KKK 1863). Aber sie unterbricht den Bund mit Gott nicht und macht die heiligmachende Gnade nicht zunichte.
Beichten muss man sie nicht. Der Katechismus empfiehlt es trotzdem — nicht zur Buchführung, sondern weil das regelmäßige Aussprechen hilft, „unser Gewissen zu bilden, gegen unsere bösen Neigungen anzukämpfen, uns von Christus heilen zu lassen und im geistigen Leben zu wachsen" (KKK 1458).
Genau dafür ist das tägliche Examen das kleine Werkzeug: Es zeigt über Wochen, was sich wiederholt — und die Wiederholung ist interessanter als der Einzelfall.