Lumen

StartseiteWissen › Das tägliche Examen in Exodus 90

Das tägliche Examen in Exodus 90

Michael Porwol · Zuletzt geprüft: 2026-08-27 · Lesezeit 4 Min.

Kurz gesagt

Zu den verbindlichen Disziplinen von Exodus 90 gehört das abendliche Examen, also eine tägliche Gewissenserforschung. Exodus beschreibt sie in fünf Schritten, die der ignatianischen Form folgen: sich der Gegenwart Gottes bewusst werden, für den Tag danken, ihn durchgehen und die Verfehlungen benennen, um Vergebung bitten und einen Vorsatz für morgen fassen. Anders als kaltes Duschen oder Fasten lässt sich diese Übung nicht abhaken, ohne sie wirklich zu tun, und genau deshalb ist sie die Disziplin, die am häufigsten unter den Tisch fällt.

Was Exodus 90 ist

Exodus 90 ist ein katholisches Programm für Männer, das 2011 aus der Begleitung von Seminaristen entstanden ist und seit 2015 in großer Zahl gebetet wird. Neunzig Tage lang tragen drei Säulen den Weg: Gebet, Askese und Brüderlichkeit. Die Askese ist der Teil, über den geredet wird, weil er sich erzählen lässt: kalte Duschen, kein Alkohol, keine Süßigkeiten, kein Fernsehen, kein unnötiger Bildschirm, Fasten am Mittwoch und Freitag, Sport dreimal die Woche.

Getragen wird das Ganze aber von der dritten Säule. Die Männer gehen den Weg in kleinen Gruppen, treffen sich wöchentlich und melden sich täglich bei einem festen Ansprechpartner. Wer allein anfängt, hört meistens auf.

Inzwischen ist aus dem einen Programm ein Jahreskreis geworden, mit kürzeren Formaten in der Fastenzeit, im Advent und in der vierzigtägigen Fastenzeit des heiligen Michael von Mitte August bis zum Fest der Erzengel am 29. September.

Warum dort ein Examen vorkommt

Die erste Säule, das Gebet, ist genauer geregelt, als viele erwarten. Verlangt sind eine tägliche Gebetsstunde (Holy Hour) mit stiller Betrachtung, die Aufopferung des Tages am Morgen, die Lesung mit einem kurzen Nachklang, und am Ende des Tages das Examen.

Bemerkenswert ist, was Exodus dabei nicht verlangt: Der Rosenkranz ist ausdrücklich keine Pflichtdisziplin. Die Begründung ist ignatianisch gedacht, auch wenn das Programm insgesamt aus mehreren Traditionen schöpft. Gesprochene Gebete sollen die stille Aufmerksamkeit nicht verdrängen. Das Examen bleibt, der Rosenkranz ist frei.

Die fünf Schritte, wie Exodus sie beschreibt

  1. Sich der Gegenwart Gottes bewusst werden. Nicht sofort mit der Bilanz anfangen. Erst wahrnehmen, vor wem man sitzt.
  2. Für den Tag danken. Konkret, nicht allgemein. Nicht „danke für alles", sondern für die eine Sache, die heute gut war.
  3. Den Tag durchgehen und benennen, was falsch war. Der Reihe nach, vom Aufwachen bis jetzt. Ohne zu beschönigen und ohne sich zu zerlegen.
  4. Um Vergebung bitten. Für das Benannte, ausdrücklich.
  5. Einen Vorsatz für morgen fassen. Einen einzigen, und einen, der klein genug ist, um ihn wirklich zu halten.

Das folgt im Kern dem Aufbau, den Ignatius im Exerzitienbuch beschreibt (EB 43). Ganz deckungsgleich sind die Listen nicht: Exodus beginnt mit der Vergegenwärtigung Gottes; bei Ignatius folgt auf den Dank die Bitte um Licht, die Exodus nicht eigens aufführt, und manche Schritte sind anders gefasst. Gemeinsam ist beiden das Entscheidende, und es ist keine Kleinigkeit: Der Dank steht vor der Prüfung, weil sonst aus dem Rückblick eine Anklage wird.

Warum ausgerechnet diese Disziplin liegen bleibt

Das kalte Duschen ist unangenehm, aber eindeutig. Man hat es getan oder nicht. Fasten ebenso. Das Examen dagegen lässt sich vollständig einbilden. Abends um halb elf, nach einem langen Tag, ist die Versuchung groß, den Punkt in der Liste abzuhaken und zu denken, man habe im Auto ja irgendwie zurückgeblickt.

Dazu kommt ein zweites, ehrlicheres Problem: Vielen ist nie gezeigt worden, wie es geht. Askese versteht man sofort. Eine Viertelstunde Stille zu strukturieren, ohne ins Grübeln oder ins Aufrechnen zu geraten, ist eine erlernbare Fertigkeit, und niemand lernt sie aus einer Checkliste.

Deshalb ist das Examen der Punkt, an dem eine Gruppe entweder wächst oder auseinanderfällt. Es ist der einzige Teil des Programms, der nach den neunzig Tagen weitergehen kann und für den es sich lohnt, dass er es tut.

Das Examen nach den neunzig Tagen

Programme haben einen Anfang und ein Ende, und das ist ihre Stärke. Das Examen hat weder das eine noch das andere. Ignatius empfiehlt es zweimal täglich und rechnet damit, dass jemand es ein Leben lang betet.

Wer nach dem Programm weitermacht, merkt bald, dass die Übung ihren eigentlichen Ertrag erst mit der Zeit abwirft. Ein einzelner Abend zeigt wenig. Sechs Wochen zeigen Muster: dass die Ungeduld fast immer denselben Auslöser hat, dass auf bestimmte Tage regelmäßig ein Einbruch folgt, dass ein Vorsatz seit drei Wochen unverändert danebensteht. Ignatius nennt das die Unterscheidung der Geister, und sie braucht Material, das über den heutigen Tag hinausreicht.

Genau dafür ist Lumen gebaut: ein geführtes Examen für jeden Abend, mit einem Tagebuch, das ausschließlich auf dem Gerät bleibt und dort verschlüsselt liegt. Es gibt kein Konto und keinen Server, auf dem diese Einträge gespeichert würden. Die App gibt es unter anderem auf Deutsch, Englisch und Polnisch.

Im deutschsprachigen Raum

Exodus 90 wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz von einem eigenen Verein getragen, der Gruppen vermittelt und Materialien übersetzt. Die Zahl der Teilnehmer bewegt sich im mittleren dreistelligen bis niedrigen vierstelligen Bereich, mit einem deutlichen Zuwachs in den Fastenzeiten. Wer eine Gruppe sucht, findet sie am ehesten über diesen Weg oder über die eigene Pfarrei.

Für Frauen gibt es mit Magnify 90 und Fiat 90 zwei Programme, die dieselbe Struktur aufnehmen, ohne zu Exodus zu gehören. Auch dort steht die tägliche Gewissenserforschung im Zentrum.

Häufige Fragen

Ist das Examen bei Exodus 90 Pflicht?

Ja, für die neunzig Tage: das abendliche Examen steht in der Liste der Disziplinen, die den ganzen Weg über gelten. Die kürzeren Formate wie die Fastenzeit des heiligen Michael haben jeweils eigene Disziplinenlisten.

Wie lange dauert es?

Fünf bis fünfzehn Minuten genügen. Das Examen ist kein Ersatz für die tägliche Gebetsstunde, sondern der kurze Rückblick am Ende des Tages. Wer es zur halben Stunde ausdehnt, hält es selten durch.

Ist das Examen dasselbe wie eine Beichtvorbereitung?

Nein, auch wenn es sie erleichtert. Das Examen fragt nach dem ganzen Tag, also auch nach dem Guten, und sucht Gottes Spur darin. Eine Beichtvorbereitung sucht gezielt die Sünden. Wer täglich Examen betet, hat für die Beichte allerdings längst zusammen, was sonst mühsam erinnert werden muss.

Muss ich dafür etwas aufschreiben?

Für das allgemeine Examen verlangt Ignatius es nicht, beim besonderen lässt er die Fehler sogar eigens notieren (EB 25). Er selbst hat Buch geführt, und bei ihm entsteht der Nutzen genau dort, wo man über Wochen zurückblättern kann. Erst dann sieht man, dass immer derselbe Wochentag schwierig ist oder dieselbe Situation immer denselben Ärger auslöst.

Was ist der Unterschied zum allgemeinen und zum besonderen Examen?

Ignatius kennt beide. Das allgemeine Examen geht den ganzen Tag durch. Das besondere nimmt sich einen einzigen Punkt vor, etwa eine wiederkehrende Ungeduld, und beobachtet ihn über Wochen. Für Männer in einem Programm wie Exodus ist das besondere Examen oft das wirksamere, weil es an einer Stelle nachgibt statt überall ein wenig.

Gibt es Exodus 90 auch im deutschsprachigen Raum?

Ja. Die Gruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden von einem eigenen Verein betreut, Netzwerk.Exodus, der einen Gruppenfinder betreibt. Die App des amerikanischen Anbieters erschien lange nur auf Englisch; inzwischen gibt es übersetzte Inhalte in mehreren Sprachen.

Gibt es ein entsprechendes Programm für Frauen?

Exodus 90 selbst bietet keines an und verweist auf andere Angebote. Unabhängig davon sind Magnify 90 und Fiat 90 entstanden, die dieselbe Grundidee für Frauen aufnehmen. Sie gehören nicht zu Exodus, arbeiten aber mit dessen Wissen.

Quellen

Das Examen jeden Abend – geführt

Lumen führt dich in sieben Schritten durch das Examen, erkennt wiederkehrende Muster und bereitet daraus deine Beichte vor. Deine Aufzeichnungen bleiben verschlüsselt auf deinem Gerät.

Lumen im App Store laden Grundfunktionen kostenlos · verschlüsselt auf deinem Gerät · deine Texte werden nie von KI verarbeitet