Was Exerzitien überhaupt sind
Ignatius nennt sie Geistliche Übungen und meint das Wort wörtlich: „Wie das Spazierengehen, Wandern und Laufen leibliche Übungen sind, so nennt man Geistliche Übungen jede Weise, das Gewissen zu bereiten und zu öffnen" (Exerzitienbuch 1).
Es geht also nicht um Wissen, sondern um Bewegung. Die berühmteste Bemerkung im ganzen Buch steht gleich am Anfang: Nicht das viele Wissen sättigt die Seele, sondern „das Verspüren und Verkosten der Dinge von innen her" (EB 2).
Das vollständige Programm ist auf ungefähr dreißig Tage angelegt und in vier Wochen gegliedert:
- Erste Woche – der Blick auf die eigene Geschichte im Licht der Barmherzigkeit Gottes.
- Zweite Woche – die Betrachtung des Lebens Jesu, dazu die Frage der Nachfolge und, wenn es ansteht, „Die Wahl".
- Dritte Woche – Leiden und Tod Christi.
- Vierte Woche – Auferstehung, und am Ende die Betrachtung zur Erlangung der Liebe.
Warum es die Form „im Alltag" gibt
Weil Ignatius wusste, dass die wenigsten dreißig Tage frei nehmen können. In der 19. Anmerkung des Exerzitienbuchs (EB 19) beschreibt er ausdrücklich den Weg für jemanden, der „mit öffentlichen Angelegenheiten oder passenden Geschäften beschäftigt" ist: Derselbe Stoff wird über einen längeren Zeitraum verteilt, mit anderthalb Stunden täglich.
Daraus ist geworden, was heute in fast jedem Bistum angeboten wird: Exerzitien im Alltag, meist vier bis sieben Wochen, oft in der Fastenzeit.
Wie eine Woche aussieht
Täglich, etwa dreißig Minuten. Ein Schrifttext oder eine Betrachtung, in Ruhe, an einer festen Stelle im Tag. Nicht studieren – verweilen.
Täglich, fünf Minuten danach. Ein kurzer Rückblick auf das Gebet selbst: Was war da? Wo bin ich weit geworden, wo eng? Was hat mich abgelenkt? Ignatius nennt das die Repetitio – man kehrt zu den Stellen zurück, an denen etwas war, statt immer neuen Stoff zu suchen.
Täglich abends, eine Viertelstunde. Das Examen. Es ist keine Zutat, sondern der Faden, der die Wochen zusammenhält.
Wöchentlich, eine Stunde. Das Gespräch mit dem Begleiter – einzeln oder in einer kleinen Gruppe. Hier wird ausgesprochen, was sich gezeigt hat.
Was dabei geübt wird
Vor allem eines: hinzuschauen, wie es innerlich geht. Das ist der Stoff, aus dem die Unterscheidung der Geister wird, und ohne diese Übung bleiben Ignatius' Regeln zu Trost und Trostlosigkeit Theorie.
Praktisch wird es dann in der zweiten Woche, wenn eine Entscheidung ansteht. Ignatius' Wahl-Prozess (EB 169–189) setzt voraus, dass man den eigenen inneren Wechsel über Wochen kennt. Wer das nie beobachtet hat, hat dafür kein Material.
Wo man das findet
- Die Exerzitienreferate der Bistümer. Fast jedes deutschsprachige Bistum hat eines, und fast jedes bietet Exerzitien im Alltag an, meist in der Fastenzeit.
- Exerzitienhäuser. Rund 330 im deutschen Sprachraum, viele mit begleiteten Einzelexerzitien. Das Portal exerzitien.info der ADDES/ARGE führt Häuser und Ansprechpartner.
- Jesuiten und ignatianische Gemeinschaften, besonders die Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL).
- Die eigene Pfarrei. Viele Gemeinden bieten in der Fastenzeit begleitete Wochen an, ohne sie so zu nennen.
Und allein?
Für den Einstieg geht das. Nimm dir vier Wochen, eine feste halbe Stunde am Tag, einen Text, und bete jeden Abend das Examen. Nach vier Wochen weißt du, ob dir diese Form liegt – und hast, falls ja, etwas in der Hand, das du einem Begleiter zeigen kannst.
Lumen enthält für diesen Weg geführte Exerzitien im Alltag über vier Wochen, dazu die Regeln der Unterscheidung und den Wahl-Prozess. Was es nicht enthält und nicht enthalten kann, ist der Mensch, der einmal in der Woche zuhört. Den such dir.