Der Text
**Nimm hin, Herr, und empfange
meine ganze Freiheit,
mein Gedächtnis, meinen Verstand
und meinen ganzen Willen,
alles, was ich habe und besitze.**
>
Du hast es mir gegeben;
dir, Herr, gebe ich es zurück.
Alles ist dein,
verfüge darüber ganz nach deinem Willen.
Gib mir deine Liebe und deine Gnade,
das genügt mir.
Lateinisch
Suscipe, Domine, universam meam libertatem.
Accipe memoriam, intellectum atque voluntatem omnem.
Quidquid habeo vel possideo mihi largitus es;
id tibi totum restituo, ac tuae prorsus voluntati trado gubernandum.
Amorem tui solum cum gratia tua mihi dones,
et dives sum satis, nec aliud quidquam ultra posco.
Wo es steht — und warum das wichtig ist
Das Suscipe steht in den Geistlichen Übungen unter Nummer 234, in der Betrachtung zur Erlangung der Liebe. Die schließt die vierte Woche ab und damit den ganzen Weg der Exerzitien.
Das ist keine Nebensache. Ignatius stellt vor das Gebet zwei Vorbemerkungen (EB 230–231): dass die Liebe sich mehr in Werken als in Worten zeigt, und dass Liebe im gegenseitigen Mitteilen besteht — der Liebende gibt dem Geliebten, was er hat.
Dann lässt er den Betenden vier Betrachtungen machen: was Gott ihm gegeben hat, wie Gott in allen Dingen wohnt, wie Gott in allen Dingen wirkt, und wie alles Gute von oben herabkommt. Erst danach kommt das Suscipe.
Anders gesagt: Es ist eine Antwort, keine Vorleistung. Wer es zuerst betet, sagt etwas, das er noch nicht weiß.
Was übergeben wird
Ignatius zählt vier Dinge auf, und die Reihenfolge ist bedacht:
- Freiheit — die Fähigkeit, selbst zu wählen. Das Wichtigste zuerst.
- Gedächtnis — die eigene Geschichte, samt dem, was man nicht vergessen kann.
- Verstand — das eigene Urteil, auch das über sich selbst.
- Wille — das, was man will, nicht nur das, was man tut.
Dann erst „alles, was ich habe und besitze". Der Besitz kommt zuletzt, weil er das Leichteste ist.
Und die Begründung steht gleich dahinter: Du hast es mir gegeben. Es wird nichts weggegeben, es wird etwas zurückgegeben.
Der Schlusssatz
Gib mir deine Liebe und deine Gnade, das genügt mir.
Lateinisch steht dort wörtlich: et dives sum satis — „und ich bin reich genug". Das ist der Punkt, an dem das Gebet aufhört, ein Verzicht zu sein.
Wie man damit umgeht
Wenn es dir zu groß ist, ist das die richtige Reaktion. Ignatius hätte nichts anderes erwartet.
Drei Wege damit:
- Erst hinschauen, dann sprechen. Nimm dir eine Woche und frag jeden Abend im Examen: Was habe ich heute bekommen? Nach sieben Abenden liest sich das Suscipe anders.
- Nur den Schlusssatz beten. „Gib mir deine Liebe und deine Gnade, das genügt mir." Das allein ist ein vollständiges Gebet.
- Es stehen lassen als Ziel, nicht als Pflicht. Es ist der Schlusspunkt eines Weges. Wer noch unterwegs ist, muss noch nicht am Schluss stehen.