Zwei Bewegungen, nicht zwei Stimmungen
Ignatius beschreibt im Exerzitienbuch, was er in sich selbst beobachtet hat: Beim Lesen der Ritterromane war er begeistert – und danach leer. Beim Lesen der Heiligenleben war er ebenfalls begeistert – und danach blieb etwas. Der Unterschied lag nicht im Moment, sondern in der Nachwirkung.
Daraus wurden die Regeln zur Unterscheidung der Geister (EB 313–336). Ihr Kern ist eine Frage: Wohin bewegt mich das?
Trost (EB 316) ist jede innere Bewegung, in der die Seele zur Liebe ihres Schöpfers entbrennt; auch Tränen aus Reue oder aus Liebe gehören dazu, und jede Zunahme von Glaube, Hoffnung und Liebe – alles, was zu Ruhe und Frieden in Gott führt.
Trostlosigkeit (EB 317) ist die Gegenbewegung: Dunkelheit der Seele, Verwirrung, Neigung zum Niedrigen und Irdischen, Unruhe, Antriebslosigkeit, das Gefühl, von Gott getrennt zu sein.
Beides sagt nichts über den eigenen Wert aus. Beides ist Wetter, nicht Klima.
Die Regeln, die im Alltag tragen
Nichts ändern (EB 318)
Die berühmteste Regel und die nützlichste. In der Trostlosigkeit soll man an dem festhalten, was man in besseren Zeiten entschieden hat. Kein Kündigen, kein Beenden, kein Aufgeben.
Der Grund ist nüchtern: In der Trostlosigkeit führt der schlechte Geist, und was er rät, klingt trotzdem vernünftig. „Es bringt ja doch nichts" fühlt sich in der Dunkelheit wie eine Einsicht an. Es ist keine.
Gegen die Bewegung handeln (EB 319)
Wenn man schon nichts ändert, darf man doch etwas tun – nämlich mehr, nicht weniger. Mehr Gebet, längere Betrachtung, ein Werk der Buße. Genau das Gegenteil von dem, wozu die Trostlosigkeit rät.
Sie geht vorbei (EB 321)
Wer in der Trostlosigkeit ist, soll daran denken, dass der Trost bald wiederkommt – und wer im Trost ist, soll sich merken, wie es sich anfühlt, damit er in der nächsten Dunkelheit Vorrat hat (EB 323).
Der schlechte Geist scheut das Aussprechen (EB 326)
Ignatius vergleicht ihn mit jemandem, der Heimlichkeit braucht. Wird das, was einen umtreibt, einem geistlichen Begleiter oder Beichtvater erzählt, verliert es an Macht. Das ist keine Frömmigkeit, das ist Erfahrung.
Der gute Geist kommt sanft (EB 335)
Bei Menschen, die ernsthaft auf Gott zugehen, wirkt der gute Geist wie ein Tropfen Wasser, der in einen Schwamm dringt – sanft, leicht, ohne Lärm. Der schlechte Geist wirkt bei ihnen scharf, mit Getöse, wie ein Wassertropfen auf Stein. Bei Menschen, die sich von Gott entfernen, ist es umgekehrt.
Wie man das übt
Man übt es im Examen. Im Rückblick auf den Tag geht es nicht nur darum, was passiert ist, sondern wie es innerlich war: Wo bin ich weit geworden? Wo eng? Wovon kam die Enge?
Am Anfang sieht man wenig. Nach zwei, drei Wochen fällt auf, dass bestimmte Situationen immer dieselbe Bewegung auslösen. Nach einigen Monaten kennt man seine eigenen Muster – und das ist der Punkt, an dem die Unterscheidung von einer Theorie zu einem Werkzeug wird.
Wozu das gut ist
Ignatius baut auf diesen Regeln seinen Weg zur Entscheidung auf, die Wahl (EB 169–189). Die zweite seiner drei Zeiten der Wahl besteht genau darin: aus dem Wechsel von Trost und Trostlosigkeit über Wochen zu lesen, wohin es geht.
Wer nie beobachtet hat, wie es ihm innerlich geht, hat für diese Zeit kein Material. Deshalb kommt das Examen zuerst und die Entscheidung später.
Eine Grenze, die ernst zu nehmen ist
Trostlosigkeit im ignatianischen Sinn kommt und geht. Sie hat Anlässe, sie hat ein Ende, und die Regeln greifen.
Was über Wochen bleibt – Antriebslosigkeit, Schlaflosigkeit, das Gefühl, dass nichts mehr geht, Gedanken, nicht mehr leben zu wollen –, ist damit nicht gemeint und wird durch geistliche Ratschläge nicht besser. Das gehört in ärztliche und therapeutische Hände. In Deutschland ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In Österreich die Telefonseelsorge unter 142, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143.
Das eine schließt das andere nicht aus. Aber das eine ersetzt das andere auch nicht.