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Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit

Michael Porwol · Zuletzt geprüft: 2026-08-27 · Lesezeit 3 Min.

Kurz gesagt

„Gebet der liebenden Aufmerksamkeit" ist der Name, unter dem der ignatianische Tagesrückblick im deutschen Sprachraum meist eingeführt wird. Er sagt, worauf es ankommt: Es geht nicht um Kontrolle, sondern um Aufmerksamkeit, und diese Aufmerksamkeit ist liebend – sie schaut hin, wie jemand hinschaut, der einen mag. Gemeint ist dieselbe Übung wie das Examen: eine Viertelstunde am Ende des Tages, in fünf Schritten.

Was der Name ändert

Ignatius nennt die Übung examen, Prüfung. Das ist genau und im deutschen Ohr trotzdem irreführend: Es klingt nach Note, nach Bestehen und Durchfallen. Wer so anfängt, prüft sich – und findet, was Prüfer finden.

Der Name Gebet der liebenden Aufmerksamkeit, der sich im deutschen Sprachraum durchgesetzt hat, dreht die Blickrichtung um. Er sagt drei Dinge auf einmal:

Für Ignatius war es die wichtigste Viertelstunde des Tages. Er ließ seinen Mitbrüdern in dringenden Fällen die Betrachtung erlassen – diese Übung nicht.


Der Rückblick mit den fünf Fingern

Eine Merkhilfe, die man immer dabeihat.

Daumen – Dank. Der Finger, der dem Herzen am nächsten liegt. Wofür bin ich heute dankbar? Konkret: das Gespräch, das Licht, der Satz von jemandem. Nicht „für alles".

Zeigefinger – Bitte. Der Finger, der weist. Herr, zeig mir diesen Tag mit deinen Augen. Der kürzeste Schritt und der, ohne den alles Übrige kippt.

Mittelfinger – Rückblick. Der längste. Geh die Stunden durch, vom Aufwachen bis jetzt. Nicht bewerten, ansehen. Achte auf die Bewegungen: Wo war ich weit, wo eng? Wo Freude, wo Unruhe? Das ist der Anfang der Unterscheidung der Geister.

Ringfinger – Reue. Der Finger des Bundes. Was tut mir leid? Aussprechen, um Vergebung bitten – und die Vergebung annehmen. Das Annehmen ist der Teil, den man am leichtesten überspringt.

Kleiner Finger – Morgen. Eine kleine Sache für den nächsten Tag. Eine, nicht fünf. Dann ein Vaterunser, und es ist zu Ende.


Zweimal am Tag, sagt Ignatius

Klassisch steht die Übung zweimal im Tag: um die Mittagszeit und am Abend. Der Mittag unterbricht den Tag, solange er noch zu steuern ist; der Abend schließt ihn ab.

Wer nur einmal betet, nimmt den Abend – aber nicht im Bett. Im Bett gewinnt die Müdigkeit gegen jeden Vorsatz. Besser eine feste Stelle im Ablauf: nach dem Abendessen, vor dem Zähneputzen, auf dem Heimweg.

Was nach ein paar Wochen passiert

Am Anfang fällt wenig auf. Dann fällt auf, dass es an bestimmten Stellen immer dieselbe Enge gibt – dasselbe Gespräch, dieselbe Tageszeit, dieselbe Sorge. Und irgendwann sieht man auch, wo regelmäßig Weite entsteht.

Das ist der eigentliche Ertrag der Übung: nicht eine bessere Bilanz, sondern eine Landkarte des eigenen Innenlebens. Auf dieser Landkarte lassen sich später Entscheidungen treffen. Ohne sie entscheidet man nach Tagesform.

Und genau deshalb hilft es, wenn ein paar Zeilen stehen bleiben. Was man nur denkt, ist nach drei Tagen weg. Was aufgeschrieben ist, zeigt nach drei Wochen ein Muster.

Häufige Fragen

Ist das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit dasselbe wie das Examen?

Ja. Der lateinische Name „Examen" klingt nach Prüfung und schreckt viele ab; der deutsche Name sagt dieselbe Sache anders herum. Gemeint ist die Übung, die Ignatius im Exerzitienbuch unter Nummer 43 beschreibt.

Warum die fünf Finger?

Weil man sie immer dabei hat. Die Merkhilfe stammt aus der ignatianischen Praxis und macht den Rückblick ortsunabhängig – im Zug, auf dem Heimweg, im Bett, wenn es sein muss.

Wie lange dauert es?

Ignatius rechnet mit einer Viertelstunde. Fünf Minuten sind ein guter Anfang. Wer täglich fünf Minuten betet, kommt weiter als jemand, der einmal in der Woche eine halbe Stunde ansetzt.

Muss ich dabei etwas fühlen?

Nein. An vielen Abenden ist es nüchtern und unauffällig. Die Wirkung dieser Übung zeigt sich nicht am einzelnen Abend, sondern nach Wochen.

Quellen

Das Examen jeden Abend – geführt

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