Drei Fragen für jeden Abend
Wer nur eine Minute hat, nimmt diese drei. Sie bilden das Grundgerüst, und sie stehen in dieser Reihenfolge, weil jede die nächste leichter macht.
- Wofür bin ich heute dankbar? Eine konkrete Sache, nicht „für alles". Das Gespräch in der Mittagspause, das Licht auf dem Heimweg, der Satz, den jemand gesagt hat.
- Was hat mir heute Kraft gegeben, und was hat sie mir genommen? Das ist die ergiebigste Frage des Abends. Sie ist nicht dasselbe wie „was war schön und was war unangenehm". Ein anstrengendes Gespräch kann Kraft geben, zwei Stunden auf dem Sofa können sie nehmen.
- Was mache ich morgen konkret? Ein Satz nach dem Muster „Wenn …, dann …", mit Zeit und Ort. Also nicht „morgen mache ich mehr Sport", sondern „Wenn ich morgen um sechs nach Hause komme, ziehe ich sofort die Laufschuhe an".
Danach ist Schluss. Die Grenze ist Absicht, nicht Faulheit.
Zwölf Fragen zur Auswahl
Für Abende, an denen eine vierte Frage passt. Nimm eine, nicht alle.
Freude und Dank
- Wann habe ich heute gelacht?
- Wer hat mir heute etwas Gutes getan, vielleicht ohne es zu merken?
- Was habe ich heute zum ersten Mal bemerkt?
Menschen
- Wem bin ich heute wirklich zugewandt gewesen?
- Wen habe ich heute übersehen?
- Mit wem möchte ich morgen sprechen?
Kraft und Arbeit
- Wann war ich heute ganz bei der Sache?
- Wo habe ich Zeit verloren, ohne es zu wollen?
- Was habe ich angefangen und nicht beendet, und muss ich es beenden?
Das Schwierige
- Was würde ich einem Freund sagen, dem heute dasselbe passiert wäre wie mir?
- Welche Situation würde ich morgen anders angehen, und wie genau?
- Was kann ich heute Abend loslassen, weil ich es ohnehin nicht ändern kann?
Fragen, die man besser weglässt
Nicht jede Frage, die tief klingt, ist gut. Manche drehen sich im Kreis.
- „Warum bin ich so?" Warum-Fragen über die eigene Person führen selten zu einer Antwort, aber oft ins Grübeln. Fruchtbarer ist die Frage nach der Handlung: Was habe ich getan, und was tue ich beim nächsten Mal?
- „Was habe ich heute alles falsch gemacht?" Eine Liste von Fehlern ist kein Rückblick, sondern ein Urteil. Eine Stelle genügt, und die schaut man an wie ein Freund, nicht wie ein Richter.
- „War der Tag produktiv?" Das ist eine Frage für die Arbeitsplanung, nicht für den Abend. Sie macht aus dem Rückblick eine Bilanz, und Bilanzen fallen am Abend fast immer schlecht aus.
Die Psychologie hat für den Unterschied ein Wort: Selbstdistanz. Wer auf eine schwierige Erfahrung wie von außen schaut, etwa mit der Frage, was er einem Freund raten würde, kann sie verarbeiten. Wer sich ganz hineinbegibt und immer wieder durchlebt, bleibt eher darin hängen.
Warum der Abend vorwärts enden sollte
Die letzte Frage zeigt nach morgen, aus zwei Gründen. Erstens werden Vorsätze mit Zeit und Ort deutlich häufiger umgesetzt als allgemeine gute Absichten. Das ist über Hunderte von Einzeluntersuchungen gut belegt. Zweitens legt ein konkreter Plan das Offene ab. Was aufgeschrieben ist, muss der Kopf in der Nacht nicht mehr festhalten.
Wer den Abend dagegen mit dem schwierigsten Moment des Tages beendet, nimmt genau den mit ins Bett.
Ein Beispiel
So kann eine Abendreflexion aussehen, in drei Sätzen notiert:
Dankbar für den Spaziergang mit Jana in der Mittagspause. Kraft gekostet hat das Telefonat mit dem Vermieter, weil ich mich nicht vorbereitet hatte. Wenn ich morgen um neun anrufe, habe ich vorher die drei Punkte aufgeschrieben.
Mehr braucht es nicht. Wie der Durchgang durch den Tag Schritt für Schritt geht, steht beim Tagesrückblick.
Dieselbe Übung als Gebet
Die Abendreflexion hat eine lange christliche Geschichte. Ignatius von Loyola hat sie im 16. Jahrhundert als Gebet in fünf Schritten beschrieben, und die Fragen oben sind aus dieser Form abgeleitet: Dank am Anfang, dann der Blick auf den Tag, dann ein Schritt nach vorn. Im Deutschen heißt sie heute oft Gebet der liebenden Aufmerksamkeit.
Lumen ist für genau diese Form gemacht. Wer ohne Glauben üben möchte, kann das im Browser tun: Tagesrückblick üben, vierzehn Abende, ohne Konto.